Zeit des Ankommens-Wochenbett

Viele Eltern gehen mit dem Gefühl ins Wochenbett, alles „richtig“ machen zu müssen. Gleichzeitig taucht schnell die Frage auf, warum sich der Alltag mit dem Baby nicht sofort selbstverständlich anfühlt. Die ehrliche Antwort lautet: Weil Elternsein kein Zustand ist, sondern ein Prozess. Es gibt keine Betriebsanleitung für ein Baby – und das ist völlig in Ordnung. In dieser sensiblen Phasen passieren eine Vielzahl an Prozessen, die erst einmal automatisiert werden müssen.

Was bedeutet das – und warum ist das normal?

Mit der Geburt eines Kindes entsteht nicht automatisch Sicherheit. Eltern wachsen Schritt für Schritt in ihre neue Rolle hinein. Nähe, Versorgung, Beruhigen und Beobachten sind Fähigkeiten, die sich durch Erfahrung entwickeln. Das Gehirn passt sich in dieser Phase messbar an – emotionale und kognitive Prozesse verändern sich, um auf die Bedürfnisse des Babys reagieren zu können. Dieses „Hineinwachsen“ braucht Zeit und Wiederholung. Ein typisches Zeichen dafür, dass dieser Prozess stattfindet, ist die Vergesslichkeit die umgangssprachlich gern als „Stilldemenz“ bezeichnet wird. Dies passiert auf folgendem Grund, der Körper fokussiert sich auf die wesentlichen Dinge – die Versorgung des Neugeborenen, und blendet die Dinge rundherum aus.

Was wir alle brauchen ist Nähe und Zärtlichkeit

Wir Hebammen erleben täglich, dass Unsicherheit kein Zeichen von Unfähigkeit ist, sondern ein normaler Bestandteil des Übergangs zum Elternsein. Denn unabhängige Sicherheit entsteht nicht durch Wissen allein, sondern durch Tun. Wickeln, Tragen, Beruhigen oder Baden werden mit der Zeit routinierter, weil Eltern ihr eigenes Kind kennenlernen – nicht, weil sie alles sofort können müssen.

 

Ein zentraler Punkt dabei: Babys sind nicht fragil. Sie sind anpassungsfähig, beweglich und für Nähe, Berührung und Handling gemacht. Ein vorsichtiger Umgang ist wichtig, aber übermäßige Angst davor „etwas falsch zu machen“ ist meist unbegründet. Babys brauchen keine Perfektion, sondern verlässliche Bezugspersonen

Wie kann man Entlastung in den Alltag bringen

Hilfreich ist es, den eigenen Anspruch bewusst zu senken und sich zu erlauben, Dinge auszuprobieren. Beobachten Sie Ihr Baby: Es zeigt sehr klar, was ihm guttut und was nicht. Vertrauen entsteht durch wiederholte Erfahrungen, nicht durch fehlerfreies Handeln. Unterstützung durch Hebammen oder vertraute Personen kann helfen, Unsicherheiten einzuordnen und zu normalisieren.

Entlastend wirkt es, sich früh von idealisierten Vorstellungen zu lösen. Elternsein ist kein Wettbewerb. Jede Familie entwickelt ihren eigenen Rhythmus. Pausen, Schlaf, Essen und Hilfe von außen sind keine Extras, sondern Grundlagen. Wir Hebammen begleiten euch gern in dieser bahnbrechenden Zeit.

EINE KLEINE GEDANKENREISE

… ich komme zu euch als kleines, unreifes Wesen mit meiner ganz eigenen Persönlichkeit.

 

…Nehmt euch Zeit herauszufinden, wer ich bin, wie ich mich von euch unterscheide und was ich euch geben kann.

 
…Bitte gebt mir Nahrung, wenn ich hungrig bin. In deinem Bauch, Mama, habe ich keinen Hunger gekannt und Zeit und Uhren sind mir noch fremd.

 
…Bitte haltet mich nah an eurem Körper, liebkost mich, streichelt mich, küsst mich, erzählt mir. In deinem Bauch, Mama, fühlte ich mich auch immer getragen und ganz nah bei dir. Ich war da

nie alleine.


…Ich hoffe, Ihr seid nicht zu enttäuscht, wenn ich nicht das perfekte Baby eurer Träume und Hoffnungen bin. Seid auch nachsichtig und großzügig mit euch selbst, wenn ihr nicht die perfekten Eltern seid, die ihr so gern wärt.

 
…Erwartet nicht zu viel von mir als neugeborenes Baby, und erwartet auch nicht zu viel von euch als Eltern. Gebt uns beiden sechs Wochen – sozusagen als Geburtstagsgeschenk. Sechs Wochen r mich, dass ich reifen, mich stabilisieren und meinen Rhythmus finden kann, und sechs Wochen für euch, wieder allmählich zu euch zu kommen und mich in euer Leben zu integrieren

…Bitte vergebt mir, wenn ich viel weine, Habt Geduld mit mir. Mit der Zeit werde ich immer weniger weinen und euch mit meiner Gesellschaft erfreuen.

 

…Achtet gut auf mich – schaut mir aufmerksam zu, denn ich kann euch auch ohne Worte sagen, was ich brauche, wie ihr mich trösten könnt und was mich zufrieden macht. Ich bin kein Tyrann, der zu euch gekommen ist, um euch euer Leben zu vermiesen. Aber der einzige Weg, wie ich euch momentan zu verstehen geben kann, dass mir etwas fehlt, ist weinen.


…Bitte denkt daran, dass ich schon ganz schon zäh und widerstandsfähig bin. Ich kann schon viele 
Fehler aushalten, die ihr anfangs aufgrund eurer Unerfahrenheit natürlicherweise machen werdet. Solange ihr mich lieb habt, kann eigentlich gar nichts schief gehen.

 

…Bitte achtet auch auf euch. Seht zu, dass ihr euch ausgewogen ernährt und genügend Ruhe und Bewegung bekommt, damit ihr euch in den Zeiten, in denen wir zusammen sind, gesund und kräftig fühlt. Versucht, zwischen „unwichtig“ und „wichtig“ zu unterscheiden, seht Dinge etwas gelassener – dann könnt ihr mich viel besser genießen.

 

… Und bitte hegt und pflegt auch eure Beziehung zueinander, weil diese mein Nährboden ist und mir zeigt, wie man Menschen liebhaben kann.

 

…Wenn ich auch momentan euer Leben ein bisschen durcheinanderbringen werde, so denkt daran, dass dies nur vorübergehend ist. 

                                   Ich danke euch beiden.

                                         (Dr. Donna Ewy)

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